Der Hass auf Juden
So werden in der Charta der Hamas von 1988, die nach wie vor gültig ist, nicht nur Israel, sondern „die Juden“ zum Weltfeind erklärt, einem Weltfeind, der die Medien global kontrolliere und nicht nur Revolutionen, sondern auch die beiden Weltkriege angezettelt habe. Wie Adolf Hitler in „Mein Kampf“ führt auch die Hamas in ihrer Charta die „Protokolle der Weisen von Zion“ als Beleg für jüdisches Verhalten an, um in Artikel 7 ihrer Charta schließlich zu erklären: „Die Zeit der Auferstehung wird nicht anbrechen, bevor nicht die Muslime die Juden bekämpfen und sie töten“.
Wir haben es hier mit einer religiös geprägten Variante von Antisemitismus zu tun – einem Judenhass, der gleichwohl so „klingt, als ob er direkt von den Seiten des Stürmer abgeschrieben“ sei, wie der palästinensische Politiker Sari Nusseibeh bemerkte. Wie aber gelangte der Judenhass der Nazis zur Hamas? Ich werde diesen Ideologie-Transfer in vier Schritten skizzieren:
Es fanden erstens ab 1938 mit ausdrücklicher Zustimmung Joseph Goebbels‘ Begegnungen zwischen Nazi-Agenten und den Führern der Muslimbrüder in Ägypten statt, die ebenfalls Juden hassten und die ebenfalls das zionistische Projekt zu Fall bringen wollten. Berlin überwies hohe Geldsummen an die Bruderschaft, veranstaltete mit ihnen gemeinsame Schulungsabende über „die jüdische Frage“ und unterstützte deren wichtigsten Bündnispartner, den Mufti von Jerusalem, Amin el-Husseini.
Zweitens starteten die Nazis ab 1939 ihre Radio-Propaganda in arabischer Sprache, die auch die analphabetische Masse erreichte. Auf diese Weise gelangte Goebbels’ Antisemitismus zwischen April 1939 und April 1945 allabendlich in die arabische Welt.
Die Programme wurden von den Kurzwellen-Sendeeinrichtungen in Zeesen, einem Ort südlich von Berlin, ausgestrahlt und zeichneten sich durch zwei Besonderheiten aus: Zum einen tarnten sich die deutschen Radiomacher als besonders gläubige Islam-Freunde. Zum anderen waren die Sendungen aus Berlin von einem rabiaten Antisemitismus geprägt. „Tötet die Juden, steckt ihren Besitz in Brand, zerstört ihre Geschäfte, vernichtet diese niederträchtigen Helfer des britischen Imperialismus!“ tönte es zum Beispiel in arabischer Sprache aus Berlin, als Rommels „Panzerarmee Afrika“ 1942 auf Kairo vorrückte.
Für die arabischen Welt erwies sich diese sechsjährige allabendliche Dauerbeschallung als Zäsur, die die Geschichte des Nahen Ostens in ein Vorher und ein Nachher teilt: Sie beförderte eine ausschließlich antijüdische Lesart des Koran, popularisierte den antisemitischen Weltverschwörungsmythos und prägte eine völkermörderische Rhetorik gegenüber dem Zionismus.
Drittens blieb auch nach dem Sieg über Hitler der Antisemitismus im arabischen Raum, wo die Muslimbrüder inzwischen über eine Millionen Mitglieder verfügten, virulent. Als 1946 der Kriegsverbrecher Amin el-Husseini unbehelligt nach Kairo zurückkehrte, zeigte sich die Bruderschaft begeistert: „Dieser Held“, erklärten sie, „kämpfte mit der Hilfe Hitlers und Deutschlands … gegen den Zionismus. Deutschland und Hitler sind nicht mehr, aber Amin el-Husseini wird den Kampf fortsetzen.“ In der Tat trugen der Mufti und die Muslimbrüder in den Folgejahren maßgeblich dazu bei, die Zwei-Staaten-Resolution für Palästina, die die Vereinten Nationen 1947 beschlossen hatten, zu Fall zu bringen.
Viertens erlitten 1948 zwar die arabischen Staaten bei dem Versuch, das in diesem Jahr gegründete Israel auszulöschen, eine Niederlage, doch blieb die Idee, Israel zu zerstören, weiter im Raum. Die Muslimbrüder reichten den Staffelstab an den iranischen Geistlichen Ruhollah Musavi weiter, der später als Ruhollah Khomeini berühmt werden sollte. Seit der islamischen Revolution von 1979 gilt Teheran als das Zentrum bei der Bemühung, Israel – und das heißt: die Juden in Israel – zu vernichten. 1988 schließlich schrieb sich die von Teheran unterstützte Hamas eben dieses Ziel auf ihre Fahnen.
Die Hamas will somit eine Ambition, die mit Nazi-Deutschland unter Adolf Hitler ihren Anfang nahm, zum brutalen Abschluss bringen. Und es ist kein Zufall, dass sie hierfür in ihrer Charta antisemitische Parolen zitiert, die zuvor über das Nazi-Radio in die arabische Welt gelangt waren.
Wenn wir den Judenhass der Nazis mit dem der Hamas vergleichen, stoßen wir auf Ähnlichkeiten und auf Unterschiede. Die gemeinsame Schnittmenge besteht darin, dass es sich in beiden Fällen um einen Erlösungsantisemitismus handelt, um redemptive antisemitism, so das von Saul Friedländer geprägte Wort. Dieser macht die Juden für alles Übel in der Welt verantwortlich und will die Welt durch Ausrottung der Juden erlösen. Befreiung durch Vernichtung: Mal als religiöse Utopie, um ewigen Frieden nach den Vorgaben der Scharia zu erkämpfen, mal als deutsche Utopie, um die Welt unter dem globalen Schatten des Hakenkreuzes zu vereinen.
Während die Nazis ihre Massaker jedoch verstecken, nutzten die Islamisten Bodycams und Helmkameras, um ihre bestialischen Morde über die sozialen Medien zu verbreiten. Die Hamas wollte ausdrücklich die Welt als Zuschauer ihrer Grausamkeiten um sich versammeln, um diese einzuschüchtern und um öffentlich in ihrer Siegesgewissheit zu schwelgen.
Wir leben in einer säkularisierten Gesellschaft und machen uns auch deshalb keinen Begriff, welch Bedeutung die Religion für Islamisten hat. Für sie ist Religion kein Teil des Lebens, sondern das Leben ist Teil des Islams. Für sie ist die islamische Geschichte nichts anderes als die Vollendung des Zwecks menschlicher Geschichte unter göttlicher Führung.
Dass sich hierbei die Überlegenheit des Islam erweisen wird, und sei es durch Massaker an Juden, steht für sie ganz außer Frage. Ihnen gilt deshalb das Massaker vom 7. Oktober als Modell; als Vorstufe der Befreiung. Man werde den 7. Oktober stets wiederholen, prahlt die Führung der Hamas, bis Israel verschwunden sei.
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