In einem Brief, in dem die Verbindung von Hamas und Nazi-Antisemitismus vehement bestritten wird, muss all dies nicht nur verschwiegen werden, sondern darüber hinaus die Verbindung von führenden Akteuren der palästinensischen Nationalbewegung der 1930er und 1940er Jahre wie des damaligen Großmufits von Jerusalem, Mohammed Amin al-Husseini, mit dem Nationalsozialismus Anathema bleiben.
Zu erwähnen wären nicht nur die Kollaboration al-Husseinis mit den Nazis im Holocaust, nicht nur seine offene Erklärung, man versuche nun gemeinsam mit Deutschland, »die jüdische Frage aus der Welt zu schaffen« [3], nicht nur von ihm inspizierte muslimische SS-Einheiten im Zweiten Weltkrieg oder seine judenfeindliche Propaganda für die islamische Welt, sondern auch bereits die durch den Terror des Muftis in den 1930er Jahren im palästinensischen Mandatsgebiet und die britische Appeasementpolitikbewirkte Schließung der Tore Palästinas für vor den Nationalsozialisten fliehende Juden.
Auch von den Faschismusbezügen der Muslimbruderschaft, deren palästinensischer Ableger die Hamas ist, und ihrer damit einhergehenden umma-sozialistischen Dritter-Weg-Ideologie der islamischen Volksgemeinschaft gegen Zins, Materialismus und Säkularismus, verrät uns der offene Brief der Holocaustforscher nichts. Die sozialpsychologischen Mechanismen der Schiefheilung kollektiv narzisstischer Kränkungen durch antisemitische Verschwörungstheorien ähneln sich bei Adolf Hitler und Sayyid Qutb, einem Vordenker der Muslimbrüder, bis aufs Haar: Hinter allen ›gemeinschaftszersetzenden‹ materialistischen, feministischen und individualistischen Einflüssen werden die Juden vermutet: »Hinter der Doktrin des atheistischen Materialismus stand ein Jude; hinter der Doktrin der animalischen Sexualität stand ein Jude; und hinter der Zerstörung der Familie und der Zerrüttung der heiligen Beziehungen in der Gesellschaft […] stand ein Jude.« [4]
Die Hakenkreuze auf den Feuerdrachen der als »Grenzzaun-Proteste« verharmlosten Aufmärsche der Hamas von 2018 waren ebenso wenig ein antifaschistischer Protest wie die Hasspredigten des Muslimbruders Yusuf al-Qaradawi, der auf dem katarischen Sender Al-Jazeera jahrelang unzählige Millionen Menschen erreichte und 2009 die Muslime als ›gemäßigtere‹ Vollender des Holocausts der Nazis fantasierte: »Im Laufe der Geschichte hat Allah den [Juden] Menschen auferlegt, die sie für ihre Verderbtheit bestrafen sollten. Die letzte Bestrafung wurde von Hitler vollzogen. Durch all das, was er ihnen angetan hat – auch wenn er es übertrieben hat –, hat er es geschafft, sie in ihre Schranken zu weisen. Dies war eine göttliche Strafe für sie. So Allah will, wird es das nächste Mal durch die Hand der Gläubigen geschehen.«
Der Artikel von Ingo Elbe ist auf Mena-Watch erschienen: zur Weiterleitung hier klicken.
