Ursachen & Akteure des Farhud: Antisemitismus, Nationalsozialismus und Islam

Cutal al Yehud – “Schlachtet die Juden”

in: Matthias Küntzel, 80 Jahre “Farhud”. Das vergessene Massaker an Juden in Bagdad.

Der Irak zur Zeit der britischen Kolonialherrschaft war ein Tummelplatz für eine Vielzahl an verschiedenen sozialen, religiösen wie politischen Gruppen und Akteuren, die eines miteinander verbunden hatte: das tiefsitzende Ressentiment gegen die Juden.

Rashid Ali Al-Gailani, General und Premierminister der durch einen Staatsstreich im April 1941 an die Macht geputschten, pro-deutschen Regierung, sowie seine engeren Verbündeten in Politik, Polizei und Verwaltung bildeten ein arabisch-nationalistisches Lager, das die britischen und französischen Kolonialmächte aus sämtlichen arabischen Staaten vertreiben wollte – allen voran dem Irak.

Der erfolgreiche Coup d’Etât – auch Golden Square Coup – der arabischen Nationalisten um Al-Gailani traf auf hohen Zuspruch der deutschen Führung in Berlin und wurde durch die Nazis mit vorbereitet. Rashid Ali Al-Gailani sympathisierte offen mit den Achsenmächten und mit dem antisemitischen Weltbild der Nazis. In seinen Augen waren die Juden des Irak, aber auch die Juden in den übrigen arabischen Ländern, pro-britische und pro-französische Kollaborateure, die als sogenannte “fünfte Kolonne”, den feindlichen Kolonialmächten in die Hände spielen und eine Unterwerfung des gesamten arabisch-sprachigen Raumes unter dem Einfluß der westlichen Kultur vorbereiten würden.

Der Großmufti von Jerusalem, Rashid Al-Gailani und Nazioffiziere in Berlin (Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Raschid_Ali_al-Gailani)

Diese Vorwürfe deckten sich größtenteils mit dem im verschwörungstheoretischen Antisemitismus der Nazis enthaltenen Trugbild des verschlagenen und teuflischen Juden, der mittels geheimer Absprachen und Kräfte die Weltherrschaft an sich reissen möchte.

“Für die Faschisten sind die Juden nicht eine Minorität, sondern die Gegenrasse, das negative Prinzip als solches; von ihrer Ausrottung soll das Glück der Welt abhängen.”

in: Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung, Berlin, 1997, S. 192

Diese auch als “zionistische Umtriebe” kaschierte pathische Projektion, die unbewusst passiert, d.h. eine vom Subjekt vorgenommene Reflexion hierauf ausbleibt, verfing in allen gesellschaftlichen Schichten und Strömungen im Irak – und insbesondere auch im Palästina der britischen Mandatszeit – in besonders dramatischer Art und Weise.

Den schädlichen, da zersetzenden Einfluss der Juden auf allen Ebenen wollten die Panarabisten um Al-Gailani bekämpfen, indem sie den Einflußbereich der Briten zurückdrängten und die Juden als Verräter und britische Agenten brandmarkten.

Ein Mittel der Wahl war die Erlassung antijüdischer Gesetze, die das gesellschaftliche Leben der Juden immens erschwerte. Weitere Repressalien und Drangsalierungen folgten.

Unter der Leitung und in Zusammenarbeit mit dem deutschen Diplomaten Dr. Fritz Grobba verbreitete sich die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten innerhalb der irakischen intellektuellen wie politischen Eliten. Hierzu gehörten auch Al-Gailani und seine Gefolgsleute.

Grobba bediente sich verschiedenster Mittel, um für die “Sache der Deutschen” zu werben. Er kaufte unter Anderem eine irakische Zeitung und veröffentlichte in ihr in regelmäßigen Abständen antisemitische Propaganda – übersetzt in sämtliche arabische Dialekte.

Dr. Fritz Grobba und der Großmufti von Jerusalem (Quelle: https://www.audiatur-online.ch/2021/06/01/die-fatalen-sieben-im-kz-zur-rolle-des-muftis-al-husaini-und-weiterer-helfer-in-der-schoah/)

Einige Jahre zuvor hatte Grobba bereits im Irak und dem arabischen Raum die Propagandamaschine der Nationalsozialisten ins Rollen gebracht und maßgeblich mitbestimmt. Die Grundlagen für sämtliche die “Judenheit” betreffende Hetz- und Hassreden waren damit gelegt.

Der Kurzwellensender “Radio Zeesen”, der in den Jahren 1939-1945 von Berlin aus betrieben wurde, verbreitete die Botschaft der Nazis an die Welt, sich der “Judenfrage” ein für allemal anzunehmen. Die Araber wurden durch Yunis Bahri, einem glühenden Antisemiten und Verfechter der nationalsozialistischen Revolution, als Moderator mit den folgenden Worten begrüßt:

“Huna Berlin. Hayii al Arab”—“Dies ist Berlin. Arabische Grüße!” 

Yunis Bahri The Voice of the Arabs (Quelle: jewishrefugees.org.uk)

Die Araber des Irak wurden durch ihn als Muslime angesprochen, die einen heiligen Krieg gegen die Juden zu führen hätten, um ihrer Verpflichtung zum Dschihad nachzukommen. Bahri verlas während seiner Moderationen regelmäßig Koranverse und agitierte mit besonders scharfer Zunge gegen die Juden:

Die Juden sind überall ein Gräuel. Erinnert Euch an die Worte des Korans: Die größten Feinde der Menschheit sind die Juden.

in: Matthias Küntzel, Nazis und der Nahe Osten. Wie der Islamische Antisemitismus entstand, Berlin 2919, S. 96

Insbesondere in den Monaten April und Mai 1941, also kurz vor dem Ausbruch des Farhud, bespielte Radio Zeesen mit Unterstützung durch Radio Bagdad die Haushalte, Cafés und öffentlichen Plätze in besonders hoher Frequenz. Berichte über angebliche Missetaten der Juden wurden zur zusätzlichen Stimmungsmache über die Geheimsender der Nazis in Umlauf gebracht und dabei als “die Stimme der freien Araber” verkauft.

Bei der Agitation gegen die Juden halfen auch andere radikale nationalistische Gruppen und Antisemiten aus Palästina und Syrien, die sich zu dieser Zeit im Irak im Exil befanden. 

Der sogenannte Al-Muthanna Club und dessen Jugendorganisation Al-Futuwwa, die sich nach ihrem Vorbild der deutschen Hitler-Jugend gegründet hatte und durch Grobba gute Kontakte bis nach Berlin pflegte, nehmen hier eine besondere Stellung ein.

Gebildet wurde der Al-Muthanna Club von Yunis Al-Sabawi, der sich als erster Übersetzer von Hitlers “Mein Kampf” ins Arabische hervorgetan hatte – auch wenn diese Arbeit eher unvollständig und unsauber blieb. Der Club und seine Jugendorganisation waren radikal nationalistisch, antikolonialistisch und faschistisch geprägt. Die Leitideologie der Nazis, der Antisemitismus, als das völkische Kollektiv zusammenhaltende Klammer, stieß bei diesen radikalen Organisationen auf besonders fruchtbaren Boden. Ihre Protagonisten verstanden sich nicht nur als eine nationale Unabhängigkeitsbewegung, sondern auch als willige Vollstrecker des antisemitischen Vernichtungswillens der Nazis. So waren es denn auch eine Phalanx aus Mitgliedern beider Organisationen und revolutionärer Ordnungskräfte, die unter Schlachtrufen und Trommelschlagen die angeheizten Massen gegen die Juden aufwiegelten. Die später begründete politische Ideologie des Ba’athismus orientierte sich in seiner Struktur sehr stark an den Ideen der Al-Futuwaa und Al-Muthanna Bewegung.

Den streng antijüdischen, antizionistischen Charakter konnte man seither in z.B. irakischer Gesetzgebung der über vier Jahrzehnte hinweg herrschenden Ba’ath Partei entdecken.

Seit 1939 lebte der Mufti von Jerusalem, Mohammed Amin Al-Husseini, im Irak, nachdem er das Mandatsgebiet Palästina aufgrund des von ihm im Jahr 1936 erfolglos angestachelten Arabischen Aufstandes verlassen musste. Der Mufti Al-Husseini, durch den Hoch-Kommissar der britischen Mandatsmacht in Palästina 1921 in der Funktion als Mufti installiert, war den Nazis kein Unbekannter: auch er war ein überzeugter Antisemit und Gegner des Zionismus, der den Islam als Ideologie verbreitete und die Endlösung unterstützte, insbesondere die Juden der arabischen Staaten zur “strengeren Kontrolle” nach Polen schicken wollte. Damit beteiligte er sich aktiv an den Verbrechen des Holocausts:

Die Juden könnten, einmal ausgewandert, ungehindert mit ihren Rassengenossen der übrigen Welt in Verbindung treten, und dem verlassenen Lande mehr Schaden zurichten als bisher. […] Außerdem kämen die Juden ihrem Ziele der ‚Errichtung eines jüdischen Nationalstaats‘ […] näher. Ich möchte mir erlauben, Ihre Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass es sehr angebracht und zweckmäßiger wäre, die Juden an der Auswanderung aus Ihrem Land zu verhindern und sie dorthin zu schicken, wo sie unter starker Kontrolle stehen, z.B. nach Polen. Damit entgeht man ihrer Gefahr und vollbringt eine gute, dankbare Tat dem arabischen Volk gegenüber

in: Sönke Zankel: Der Jude als Anti-Muslim. In: Niklas Günther, Sönke Zankel (Hrsg.): Abrahams Enkel. Stuttgart 2006, S. 41–52
Himmler an den Großmufti von Jerusalem (Quelle: https://www.jpost.com/israel-news/never-before-seen-document-penned-by-nazi-leader-himmler-uncovered-by-national-library-485539)

Seit der Veröffentlichung des Berichts der Peel Kommission im Jahr 1937 unterstützten die Nazis den Großmufti auch finanziell, um der empfohlenen Schaffung eines jüdischen Staates in Palästina entgegenzuwirken. Ohne diese finanziellen Zuwendungen wäre es Al-Husseini nicht möglich gewesen, den arabischen Aufstand gegen die Juden über Jahre hinweg aufrecht zu erhalten. Der “Judenwahn” der Nazis und der Judenhaß des Muftis formten zusammen eine unheilige Allianz. Auch auf Radio Zeesen mischte der Mufti emsig beflissen mit und wirkte auf die breit-angelegte antijüdische Agitation der Nazis im Nahen Osten ein, was der SS-Führung unter Himmler sehr entgegenkam: jeder bereitwillige Vollstrecker der Vernichtungsindustrie und “Bruder im Geiste” wurde weiter grosszügig hofiert. Himmler selbst sagte über den Islam folgendes:

Ich muss sagen, ich habe gegen den Islam gar nichts. Denn er erzieht mir in dieser Division seine Menschen und verspricht ihnen den Himmel, wenn sie gekämpft haben und im Kampf gefallen sind. Eine für Soldaten praktische und sympathische Religion.

aus: Interview mit David Motadel über sein Buch Für Prophet und Führer. Die islamische Welt und das Dritte Reich (Link zum Interview siehe unter Quellen)

Am 11.Mai 1941 liess der Nazi-Sender Amin Al-Husseini erneut sprechen:

Der irakische Kampf [ist] ein Kampf für alle Mohammedaner und somit ein heiliger Krieg des Islam.

in: Matthias Küntzel, Nazis und der Nahe Osten. Wie der Islamische Antisemitismus entstand, Berlin, 2019, S. 96

Am Morgen des jüdischen Shavuot Festes, am 01.06.1941, versammelten sich bereits aufgebrachte und agitierte Massen arabischer Muslime in dem Bab Al-Scheikh Distrikt am Ende der Al-Rashid Strasse (siehe hierzu auch die Rubrik Topographie des Farhud) vor der ältesten Moschee Bagdads, der Al-Gailani Moschee. Von hier aus zog der antisemitische Mob, angeführt von Mitgliedern und Anhängern der oben genannten Gruppen weiter in Richtung der jüdischen Viertel. Ein fast zwei Tage andauerndes Pogrom nahm hier seinen blutigen Anfang.

Ein Zeitzeuge, Ya’qub Peres, berichtete:

On Sunday, June 1, 1941, when the crowd left the mosque named Jami’ al-Gaylani, at about 10.30 a.m., there was anti-Jewish incitement among those who were leaving. At 5.30 p.m. a crowd gathered again in the same mosque. Anti-Jewish speeches were given. At 6 p.m. the crowd left the mosque and went on the rampage.

Central Zionist Archives, Jerusalem, S25/5290 (siehe: Zvi Yehuda im Quellennachweis unten)

Der Zusammenbruch der staatlichen wie gesellschaftlichen Ordnung und die Gewalt gegen die Juden Bagdads erfolgte keineswegs spontan, sondern wurde gezielt über antisemitische Propaganda organisiert und geplant. Eine reine, plötzliche “Entladung von Affekten” kann hierbei ausgeschlossen werden. 

Bereits im Vorfeld des Pogroms wurden jüdische Häuser mit einer roten Hand markiert, um den tobenden Massen die Stoßrichtung vorzugeben. Es wird vermutet, dass die Rädelsführer des Pogroms, die zu den Putschisten um Al-Gailani gehörten, den Anblick der jubelnden jüdischen Bevölkerung, die auf den Strassen das Shavuot Fest zelebrierten, als eine Siegesfeier der am Stadtrand bereits aufgezogenen britisch-indischen Truppen und irakische Royalisten angesehen haben, die die Faschisten aus Bagdad verjagen, den Coup vereiteln und den Monarchen Abdullah zurück in Amt und Würden setzen sollten (Anglo-Iraqi War).

Die Juden als in ihren Rechten beschränkte Dhimmis hätten es gewagt, den von der islamischen Gemeinschaft ausgestellten Schutzbefohlenen-Vertrag zu brechen und sich in verächtlicher Weise über die bevorstehende, drohende Niederlage der arabisch-nationalistischen wie islamischen Sache zu ergötzen. Die Juden – die ewigen Parias dieser Welt, denen bis heute immer wieder verächtlich und verleumderisch angekreidet wird, daß sie sich in Form des Staates Israel endgültig emanzipiert haben – hätten es gewagt, ihre Häupter zu erheben, um die Befreier im Freudentaumel zu begrüßen.

Diese verzerrte Wahrnehmung über den jüdischen Partikularismus und eine über Wochen extrem hochgefahrene antisemitische, nationalsozialistische Hetzpropaganda verschärfte nur den bereits bestehenden antijüdischen Tenor der arabischen Bevölkerungsschichten und resultierte in dem blutigen und gewaltvollen Ende jüdischen Lebens in Bagdad, das unter dem Namen Farhud in die dunkle Geschichte des Orients eingegangen ist und gegen deren Vergessen die Autoren dieser Seite angetreten sind.

Quellen:

Adorno, T.W. & Horkheimer, Max, Dialektik der Aufklärung, Berlin, 1997

Black, Edwin, The Farhud. Roots of the Arab-Nazi Alliance in the Holocaust, Washington D.C., 2010

Elpeleg, Zwi, Through the Eyes of the Mufti. The Essays of Haj Amin, Chicago, 2015

Elpeleg, Zwi, The Grand Mufti: Haj Amin al-Hussaini. Founder of the Palestinian National Movement, Oxford/New York, 1993

Günther, Niklas & Zankel, Sören (Hrsg.): Abrahams Enkel. Stuttgart 2006

Herf, Jeffrey, Nazi Propaganda for the Arab World, New Haven, 2009

Küntzel, Matthias, Nazis und der Nahe Osten. Wie der Islamische Antisemitismus entstand, Berlin, 2019

Küntzel, Matthias, Djihad und Judenhaß, Freiburg, 2003

Küntzel, Matthias, Nazi Propaganda in the Middle East and Its Repercussions, Volume 3 Comprehending Antisemitism Through The Ages: A Historical Perspective, Berlin/Boston, 2021, S. 257-272

Motadel, David, Islam and Nazi Germany’s War, Cambridge, 2014

Rubin, Barry & Schwanitz, Wolfgang, Nazis, Islamists, And the Making of the Modern Middle East, New Haven, 2014

Stillman, Norman, The Jews of Arab Lands in Modern Times, Philadelphia, 2003

Tsimhoni, Daphne, The Pogrom Farhud Against the Jews of Baghdad in 1941, Remembering For the Future – The Holocaust in an Age of Genocide, Vol. 1-3, London, 2001, S. 570-587

Yehuda, Zwi – https://cojs.org/the_outbreak_of_the_pogrom_-farhud-_of_june_1941_in_baghdad-_zvi_yehuda-_nehardea-_2005-6/

Yehuda, Zwi & Moreh, Shmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012

Interview DLF mit David Motadel

Header-Bild: Der Großmufti von Jerusalem, Himmler, Fritz Grobba und Rashid Al-Gailani besuchen ein namentlich nicht ausgezeichnetes Konzentrationslager in Deutschland, 1943