Geschichte und Kultur der Juden im Irak

Bis zum jüdischen Exodus, das im Jahr 1951 erfolgte, lebten im Zweistromland von Euphrat und Tigris, dem heutigen Irak, ca. 135000 Juden und Jüdinnen. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung lebte in den großen Städten im Zentrum und im Süden des Landes: Bagdad, Mossul und Basra. Die urbane und kosmopolitische jüdische Gemeinde Bagdads wuchs rasant an. Im 20. Jahrhundert stellte die jüdische Gemeinde in der Hauptstadt des Iraks ein Drittel der Gesamtbevölkerung. Die jüdische Gemeinde Bagdads spielte sowohl in der Politik, Wirtschaft als auch im Kulturleben eine bedeutende Rolle. Ferner begünstigten zahlreiche sozialhistorische Einflüsse zum Wirtschaftsaufschwung der Gemeinde in der Landeshauptstadt bei, welche im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann und nach der Gründung des irakischen Staates, in der britischen Mandatszeit 1920-1932, ihre Blütezeit erreichte. In der haschemitischen Monarchie, die 1921 von König Faisal I. proklamiert wurde, waren die Juden und Jüdinnen im Irak danach bestrebt, sich in die muslimische Mehrheitsgesellschaft zu akkulturieren.

Die Öffnung des Suezkanals im Jahre 1869, das Ende des Handelsmonopol der Britischen Ostindien-Kompanie und nicht zuletzt durch das Expandieren in der südlichen Hafenstadt in Basra erleichterten sich die Wirtschaftsbeziehungen in der globalen Welt, wovon die jüdische Gemeinde außerordentlich profitierte. Außerdem wurde zur gleichen Zeit ein Postwesen entwickelt, welches den Im-und Export von Gütern simplifizierte. Führende jüdische Mitglieder und Philanthropen nahmen hierbei eine bedeutsame Rolle ein. Die Handelsbeziehungen wurde zum größten Teil von irakischen Juden dominiert. Der Grund hierfür lag zum einen daran, dass die Mehrheit der jüdischen Gemeinde viele europäischen Sprachen beherrschten und zum anderen, dass sie mit irakisch-jüdischen Emigranten in der Diaspora Handelsbeziehungen pflegten und global außerordentlich gut vernetzt waren. Des Weiteren wurden die ersten Banken im Irak von wohlhabenden jüdischen Unternehmern gegründet. Die Zilkah Bank wurde im Jahr 1899 eröffnet und wenig später die Zion Abudi Bank.

Der Grund für die Prosperität ist auf die moderne Schulbildung zurückzuführen. Gleichwohl ist es wichtig anzumerken, dass innerhalb der jüdischen Bevölkerungsschicht auch bedürftige Menschen gelebt haben. Mit der Etablierung der Alliance Israelite Universelle Schule begannen im Jahr 1865 die Reformen und die Modernisierung der Schulen in Bagdad. Innerhalb der jüdischen Gemeinde initiierten progressivere Kräfte die Gründung dieser modernen Schulen. Neben der arabischen Sprache gehörten hebräisch, französisch, englisch und türkisch zum Curriculum der Schulen. Ferner wurden Schulfächer wie Geschichte, Geografie und Mathematik gelehrt. Die Schüler und Studenten genossen eine westliche säkulare Bildung, denn die Schulleiter und Lehrkräfte wurden aus Paris nach Bagdad entsandt. Nichtsdestotrotz gelang es der jüdischen Gemeinde in Bagdad, ihre Tradition, Religion und Kultur aufrechtzuerhalten, ohne sich dem Risiko auszusetzen, sich zu assimilieren. Die jüdischen Gemeinden waren moderner und fortgeschrittener als die muslimische Mehrheitsgesellschaft, die nicht besonders reformfähig war. Außerdem fungierten jüdische Schulen und Einrichtungen als Musterbeispiel für die irakischen Staatsschulen. Des Weiteren ist es bedeutend anzumerken, dass nicht nur den jüdischen Jungen der Zugang zur Bildung und Studium ermöglicht wurde. Die jüdischen Philantropen-Familien Sasson und Kadoori förderten auch Berufsbildende mittlere und höhere Mädchenschulen.

Mit dem britischen Sieg gegen die Mittelmächte begann 1917 die Okkupation des Irak.Bis zur Proklamation des emanzipierten irakischen Staates 1932 verwaltete Großbritannien den Irak. Die jüdische Gemeinde im Irak begrüßte den Einmarch der britischen Streitkräfte im Land und war von Beginn an auf Seiten der Briten. Die positive Einstellung der jüdischen Bevölkerung gegenüber der Briten ist auf die guten Handelsbeziehungen zurückzuführen, die beide Seiten zueinander pflegten. Außerdem erhofften sich die jüdischen Repräsentanten politische Partizipation im Land und mehr Freiheit durch die britische Schutzmacht. Im Jahr 1925 wurde das erste Parlament und die irakische Verfassung konstituiert. Im Parlament wurden fünf Mandate und ein Senatsmitglied für irakisch-jüdische Minderheit gewährleistet. Mit Sasson Heskel stellte die jüdische Gemeinde den ersten Finanzminister des Landes.

Die irakisch-jüdische Gemeinde in Bagdad stellte auf Grund exzellenter Schulbildung einen beträchtlichen Anteil des Bildungsbürgertums. Die akademische Bildung, die sie genossen hatte, qualifizierte überdurchschnittlich viele für sehr hohe Ämter im Staat. Die Zeit der britischen Okkupation und britischen Mandatsverwaltung war für die irakisch-jüdischen Staatsbürger eine Zeit der Emanzipation, des Wohlstands und des aufblühenden Bürgertums. In den 1920er und 30er Jahren hatte sich die Mehrheit der Juden und Jüdinnen in Bagdad akkulturiert und waren dem irakischen Staat loyal und treu gegenüber. Das Kulturleben und die Literatur blühten auf Grund der jüdischen Künstler und Schriftsteller im Königreich Irak wieder auf. Viele der literarischen Werke, die in Bagdad veröffentlicht wurden, hatten jüdische Autoren verfasst gehabt. Bemerkenswert ist hierbei, dass sich die Bücher der jüdischen Autoren wie Shalom Darwish, Sera Hadad und Salman Shina kaum von den Werken ihrer muslimischen und christlichen Autorenkollegen unterschieden.

Die Musikkultur der Juden im Irak

Die jüdische Bevölkerung im Irak hat eine bedeutende, wenn nicht die führende Rolle in der Musikkultur des Landes gespielt. Die Mehrheit der Musikkomponisten und Orchestermusiker im Irak sind Menschen jüdischer Herkunft gewesen. Die Haltung der Muslime gegenüber der Musik hingegen war ambivalent, wenn nicht sogar verachtend. Dies ist damit zu begründen, dass viele konservative Strömungen innerhalb des Islams eine sehr ablehnende Sicht zu Musik haben. Musiker und Musikerinnen wurden innerhalb der irakischen Gesellschaft geringschätzig behandelt, weshalb sie auch kein besonders gute Reputation genossen. Nichtsdestotrotz spielte die Musik innerhalb der muslimischen Bevölkerung eine unabdingbare Rolle. Diesen Widerspruch löste die Mehrheitsbevölkerung, indem sie diese Tätigkeit an Juden und Jüdinnen delegierte. Außerdem ist es wichtig zu erwähnen, dass selbst innerhalb der jüdisch-traditionellen Bevölkerung im Irak die Meinung der Muslime adaptiert wurde. Denn auch innerhalb der jüdischen Gemeinde wurden strengere soziale Normen präferiert.

Gleichwohl zählte die Musik zu einem elementaren Bestandteil des religiös-kulturellen Lebens im irakischen Judentum. Die Melodien und der Gesang der jüdischen Musiker und Musikerinnen wurden zu und an etlichen Veranstaltungen gespielt: in Cafe- und Teehäusern, Henna Abende, Hochzeiten und selbstverständlich auch zu religiösen Zeremonien und Festen wie Brit Mila und am Shavuot. In den 1930er Jahren war die irakisch-jüdische Sängerin Salima Murad in der ganzen arabischen Welt hochangesehen. Bemerkenswert ist ebenfalls die Eheschließung zwischen Salima Murad und dem irakisch-muslimischen Starsänger und Schauspieler Nazim al-Ghazali. Denn bis zum heutigen Tag bleiben interkulturelle Ehen im Irak eine Ausnahme. Außerdem gehörten Salman Moshe und Hesqel Qassab zu den prominentesten Makam-Vokalisten des Landes. Darüberhinaus begleitete der jüdische Instrumentalist Hesqel Mu’ allim die ägyptische Diva Um Kalthum, bei einem Musikkonzert in den 1930er Jahren in Bagdad.

Zu den prominentesten und prägendsten jüdischen Musiker gehörten vor allem die Brüder Daoud und Saleh Kuwaiti . Die Kuwaiti Brüder waren irakisch-jüdischer Herkunft. Beide Brüder galten als virtuose und geniale Musiker, die unterschiedliche Musikgenres miteinander kombinierten und dadurch im Orient neue Klangwelten eröffneten. Den Künstlernamen Kuwaiti nahmen sie auch zu Ehren des kuwaitischen Emirs an, der einer ihrer größten Bewunderer war. Darüberhinaus spielten sie Privatkonzerte für den Emir. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges wurden die Kuwaiti Brüder 1933 bei einer Reise von der Starsängerin Um Kalthum in Bagdad darum gebeten, einen Song für sie zu komponieren. Dies war eine Seltenheit, denn Um Kalthum preferierte bis dahin ausschließlich die musikalische Werke ägyptischer Komponisten. Ein Jahr zu vor war der berühmte ägyptische Sänger und Komponist Mohammed Abdel Wahab ebenfalls nach Bagdad gereist und bat die Kuwaiti Brüder, sich mit ihm zu treffen und zu musizieren. Darüberhinaus wollte Abdel Wahab von ihnen lernen. Bald spielten die Kuwaiti Brüder vor allem Musik für die aristokratische und führende politische Herrschaftsklasse. Im Jahr 1936 bat der irakische Bildungsminister Daoud und Saleh Kuwaiti die erste musikalische Radiostation zu etablieren. Bis zu ihrer Emigration nach Israel spielten die Brüder im Musikorchester der Radiostation.

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