“Die Forderung, daß Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des Ungeheuerlichen, das sich zutrug.“
Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz, in: Gesammelte Schriften. 1. Aufl. Band 10. Kulturkritik und Gesellschaft 1. Prismen, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, S.674
Sowie die Aufklärung gegen die Leugnung des Holocaust – der zwar ein “präzedenzloses” (Jan Gerber) aber eben kein singuläres Verbrechen ist – und dessen Relativierung vorzugehen hat, muss sie auch die Farhud-Leugnung, die besonders im arabischen Raum ein Problem darstellt, ins Visier nehmen. Denn gerade in den sich an das Pogrom anschliessenden Jahren kam es vermehrt und vehement zum sogenannten “Farhud-Denial”
“Ein 1909 in Wien geborener und 1981 in Rechovot/Israel gestorbener Freund, Zvi Rix, pflegte den Grund des Antizionismus in der Sentenz zu verdichten: ‚Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!‘
Gunnar Heinsohn: Was ist Antisemitismus?, Frankfurt a. Main, 1988, S. 119
Die Leugnung der Geschehnisse ging vornehmlich von irakischen Staatsangestellten mit chauvinistischen Einstellungen, von öffentlichen Persönlichkeiten, die sich durch antisemitische Äusserungen hervorgetan haben sowie von hohen Kreisen der arabisch-islamischen Intelligenz aus. Nebst der gängigen “Totalleugnung” der Ereignisse existierten auch Meinungen und Einstellungen, die die Ereignisse und ihre Ursachen in einer in der Psychodynamik des Antisemitismus nicht unüblichen Täter-Opfer-Umkehr beschreiben. Somit wird in einfacher Art und Weise die Schuld auf das Opfer verschoben, um sich auch auf psycho-individueller wie psycho-kollektiver Ebene eine Form der Entlastung des Bewusstseins zu verschaffen und der Wiederherstellung eines pseudo-moralischen Gleichgewichts Vorschub zu leisten.
“The reaction of the Iraqi Arab intelligentsia, especially the poets and journalists among them, to the Farhud savagery shocked the Jews. No movement of Arab intellectuals was formed to support those who were hurt.
Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941 Pogrom in Irag, Jerusalem, 2012, S. 209
Nur eine Handvoll säkularer Muslime, die den Irak aus diversen Gründen verlassen und in meist westlichen Gesellschaften Fuß gefasst hatten, sowie die Überlebenden des Pogroms und ihre Nachkommen selber haben in entsprechender Weise von den grauenhaften Ereignissen des Farhud berichtet. Die genutzten literarischen Darstellungsformen waren Poesie und Prosa, aber auch die Schriftstellerei sowie der Journalismus.
Ein besonders realistischer und eindrucksvoller Zeitzeugenbericht, der in Form eines autobiographischen Romans verfasst worden ist, schildert den Schrecken des Farhud in unverblümter Sprache. Der Autor des im Folgenden zitierten Auszuges ist der Journalist Salim Fattāl:
“Every scream of horror we heard, expressed a chilling code. Helpless Jews were suddenly trapped in horror in their houses and fell victims to murderers, thieves and rapists who committed freely whatever they desired against their victims. They cut throats, limbs and crushed skulls. They didn’t spare women, children and old men. In this bloody arena, blind hatred against Jews was committed by thirst of murder for murder’s sake only.”
Salim Fattāl, Be-Simta’ot Bagdad, in: Moreh, Schmuel, The Farhud as Reflected in Literature, S. 237
Erstaunlich ist auch eine offizielle Stellungnahme in den Memoiren eines jüdischen Offiziers, Dr. Salmān Darwish, der an der Seite der Putschisten um Al-Gailani gegen die britische Imperialmacht im Irak kämpfte, sich aber von den antijüdischen Ausschreitungen im Farhud zu distanzieren versuchte:
“[…] these distressing events were heard of by very few people, who meanwhile have forgotten them or have obliterated them from their minds; the revolting crime has become blurred, and the mass grave has disappeared.”
Dr. Salmān Dareish, in: Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941 Pogrom in Irag, Jerusalem, 2012, S. 227
Diese und andere ähnliche Darstellungen geben hinreichend Zeugnis ab, wie mit der Katastrophe und dem Mord an den Juden in der öffentlichen Wahrnehmung umgegangen wurde. Das Gedenken daran wurde schlichtweg unterdrückt und alles, was daran erinnert, dem Erdboden gleichgemacht.
Es ist diesen Zeitzeugenaussagen und Berichten zu verdanken, dass der Farhud überhaupt in das Geschichtsbewusstsein der Menschen aufsteigen konnte.
“On the next day, June 2, “peaceful” Baghdadi Jews continued to provoke retreating units of the Iraqi army by taunting them with words that slandered their honour and their patriotism:
Then the people of Baghdad and the officers and soldiers of the retreating Iraqi army realised that that those standing before them were not peaceful Jews but wild tigers…bloodthirsty criminals. Another clash occurred when the people of the Haganah, the Palmach and the Irgun formed a special unit that battled against the masses of Baghdadi residents instead of the Jews, who became victims of the minor massacre planned by the Jewish Agency in Palestine before the British Army moved towards Iraq. 110 people were killed and many were wounded from every community, but this was not enough for the people of the special unit, who ordered the others to continue the attack.
But then a sudden change occurred when the people of the special unit, who were very familiar with the Arabic language and the Baghdadi dialect, began to attack the Jews’ homes, businesses and shops and to loot the Jews’ property…”
Shamil ‘Abd al-Qadir, “The Secrets of How Iraqi Jews Were Taken to Israel in 1951”, The Pogrom (Farhud) of 1941, Reexamination, in: The New Babylonian Diaspora, Leiden/Boston, 2017, S.271
Dieser Bericht – geschrieben von dem arabisch-nationalistisch gesinnten Journalisten ‘Abd al-Qadir – der zur Zeit seiner Entstehung im Jahr 1994 viel herumgereicht wurde, zeigt die verheerende Verzerrung und Umdeutung der Ereignisse auf eine besonders eindrückliche Weise. Selbst über fünfzig Jahre später bis in die heutige Zeit hält man im Irak unbeeindruckt und eisern an dieser und anderen Versionen fest, ganz so als würde die Lüge leichter zu glauben sein je ungeheuerlicher sie geäussert wird. Einer Verbreitung von Falschaussagen und Erfindungen muss kritisch begegnet werden, um eine an Fakten orientierte Aufarbeitung des Pogroms zu ermöglichen.
Arabische Nationalisten und syrisch-palästinensische Intellektuelle hatten die Hoffnung, dass mit dem Ausgang des Farhud das zionistische Unternehmen beendet und der jüdische Einfluss im Irak untergraben wird. Allerdings führte das Pogrom zu einer direkten Umkehrung dieser Erwartungen: die Idee des politischen Zionismus fasste noch stärker Fuß und die Aussicht auf eine sichere Zukunft in Israel legte den Grundstein für den großen Exodus der Juden in den Jahren 1950-51.
Diese Personenkreise vertraten weiter die Vorstellung, dass es sich bei dem Farhud um einen “gerechten” Akt – eine “verdiente” Rache – , der von der muslimischen Mehrheitsgesellschaft an den Juden vollzogen wurden. Weitere irakische Politiker aber auch Schriftsteller, insofern sie sich denn überhaupt öffentlich zum Farhud äusserten, sprachen von einer “gerechten Strafe” für die angebliche Untreue der Juden der irakischen Nation gegenüber – und für den Verrat der Juden am irakischen Volk durch ihr Sympathisieren mit den Briten und mit der Monarchie der Haschemiten.
Die wissenschaftlichen Untersuchungen zum Thema sind aber bisher nicht zufriedenstellend ausgeschöpft und die bisherigen Antworten sicherlich nicht mit Endgültigkeit gegeben. Eine erste Annäherung unternehmen Zwi Yehuda und Schmuel Moreh in ihrem Sammelband (siehe Literaturliste unten und in der Rubrik Materialsammlung). Aus diesem Grund wird diese Seite weiterhin der Frage nachgehen wollen, wie weit die Leugnung, Verharmlosung und Verdrängung des Pogroms innerhalb der irakischen Gesellschaftsschichten fortgeschritten ist und warum die offizielle Politik den Nachfahren eine ordentliche Aufarbeitung und Klärung der Zusammenhänge bis zum heutigen Tag schuldig geblieben ist.
Quellen:
Heinsohn, Gunnar: Was ist Antisemitismus?, Frankfurt am Main, 1988
Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012
Yehuda, Zwi, The Pogrom Farhud of 1941. Reexamination, The Brill Reference of Judaism, Volume 57, Leiden, 2017, S. 249-283
Header-Photo: As a child, Eileen Khalastchy’s life in Baghdad was idyllic until a sudden acid attack in 1941
