Schlachtrufe des Farhud

Das kollektive Bewusstsein der irakischen Araber als Muslime, die ihr lang gehegtes und tiefsitzendes antisemitisches Ressentiment in der blutigen Raserei im Juni 1941 gegen die Juden in Bagdad schliesslich ungehemmt in die Tat umsetzten und sich sowohl an Plünderungen als auch an Vergewaltigungen beteiligt hatten, spiegelt sich in besonders eindringlicher Weise in den sogenannten hosât – populäre Lieder, Slogans und Texten – wider. 

In diesen gemeinschaftlich gesungenen Liedern, die auch während des Pogroms als Schlachtrufe die aufgewiegelten Massen unterschiedlicher Schichten miteinander verbunden hatten, kam die ungebremste Wut, die unreflektierte Enttäuschung und die rücksichtslose Verachtung der entrechteten Dhimmis zum Ausdruck, die mittels organisierter politischer Macht sich vom Joch der jahrhundertelangen Unterdrückung zu emanzipieren anschickten. Die Legitimation für ihr Handeln sahen die Verbrecher in der heiligen Schrift des Korans verbrieft und weiter verstärkt durch die verschwörungstheoretische antisemitischen Leitideologie der Nazis, die die Juden als das totale Gegenprinzip, als Feinde der gesamten Menschheit brandmarkten.

Ein besonders populärer Schlachtruf, der unter anderem auch die lang verschwiegene aktive Rolle muslimischer Frauen an den Gewalttaten des Pogroms belegt, ist in der allgemeinen Erinnerung geblieben und von jüdischen wie nicht-jüdischen Überlebenden des Farhud in seiner Echtheit bestätigt und weitergegeben worden. Der nun folgende Ausschnitt des Schlachtrufs ist eine englische Übersetzung des Irakischen Bedouin Arabic Dialect, in welchem am Tag des Pogroms in den Strassen Bagdads zur Gewalt gegen Juden aufgerufen wurde:

How lovely if only a Farhud occurred every day,

حلو الفرهود إيعود يومية

If only the Farhad occurred, oh ma and pa,

حلو الفرهود إيعود يا يمه ويا بابا

My ears were deafened (by the noise) of cracking open the locks 

أذاني اطرشت من كسرت القفالة

Please tell me about old Eliyahu, whose stuff they swiped

وأسألك عن أبو الياهو فرهدوا ماله

And today he’s reading a dirge in the Torah.

بالتوراة يقرا اليوم عزويه

He’s reading from the Torah and the Torah scrolls are smashed up

بالتوراة يقرا اتكسرت البيبان

The men stand around struck dumb and it’s the women who do the work

الزلم امشوبشة والفعل لنسوان

Please tell me about those policemen, the horsemen

واسألك ع هذولا الشرطة هل فرسان 

Jamila says (in amazement) what a carpet!!

جميلة اتگول اشلون زولية

Jamila got a lot of carpets.

جميلة من الزوالي چسبت هوايا

And I (got) a marble chest with a mirror in it 

و آني صندوگ مرمر فوگه المرايا

I used to sleep on the floor, now I sleep on a bed, 

عب ما چنت أنام على الگاع هسته چرپایا

A bed decorated all over with the figures of snakes, 

كلها منقشه من هذا أبو الحية 

How lovely if only the Farhud came round every day. 

حلو الفرهود ايعود يومية

Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012, S. 209-211

Ein weiterer Slogan, der den Fanatismus des arabischen Judenhasses belegt und die Überzeugung des Mobs und seiner Rädelsführer aufzeigt, im Sinne eines heiligen Krieges des Islam gegen die jüdischen wie britischen Besatzer zu handeln, ist der folgende immer wieder rezitierte Ausspruch, der u.A. auch bestätigt, dass die Ausschreitungen während des Pogroms keineswegs nur rein zufällig waren und aus einem Affekt heraus passiert sind, sondern von langer Hand geplant wurden.

Die Dynamiken und Entwicklungen, die zur Auslöschung der jüdischen Gemeinde im Irak führten, waren ein im Verbund mit anderen arabisch-nationalistischen Kräften, mit palästinensisch-syrischen Antisemiten und den Naziideologen orchestriertes und geplantes Unternehmen zur Vernichtung der jüdischen Existenz im Land – eine orientalische Endlösung der Judenfrage.

“Hādha ‘l-yōm al- chinna ‘nrīda – This is the day we have been longing for.”

Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012, S. 211

Eine andere perfide Kampagne gegen die Juden, hier insbesondere die zionistische Präsens im Irak und die zionistischen Unternehmungen in Palästina betreffend, waren von den von Nazis gekauften und infiltrierten irakischen Radiosendern regelmäßig ausgestrahlte Verleumdungskampagnen und offen ausgesprochene Morddrohungen gegen den Führer der zionistischen Vereinigung Chaim Weizmann. Diese Worte, diese unverhohlenen Aufrufe zum Mord, kann man kaum überbewerten, denn sprechen sie offen aus, was sämtliche Gegner der Juden ohnehin dachten und was sie zu erreichen versuchten, sollten sich die Machtverhältnisse entsprechend zu ihren Gunsten ändern: nämlich der Tod aller Zionisten, allen voran ihr Führer und Ideengeber:

Chaim Weitzmann’: Hayim (Weitzmann), go to hell/ We will burn your father, 

حاييم اطرح گلا لأبوك نشعله

We will hang him by his feet/ And there is no might only with God. 

من رجله اندندله اولا حول ولا ولا.

Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012, S. 211

Quellen:

Yehuda, Zwi & Moreh, Schmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012, S. 209-211

Header-Bild: During the 1930s, the German Nazi party courted opposition to the British in Iraq (RememberBaghdad.com)