Der Chronist, welcher die Ereignisse hererzählt, ohne große und kleine zu unterscheiden, trägt damit der Wahrheit Rechnung, daß nichts, was sich jemals ereignet hat, für die Geschichte verloren zu geben ist.
Walter Benjamin: Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze. Mit einem Nachwort von Herbert Marcuse, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1965, S. 79
Der Gegenstand dieser Seite ist der sogenannte “Farhud” – ein kurdischer Begriff in arabischer Sprache, der die gewaltsame Enteignung und den Zusammenbruch einer staatlich-rechtlichen Ordnung beschreibt. Auch wird er oft mit “blindwütiges Massaker, Brandschatzen und Vergewaltigung” übersetzt – in Bagdad, Irak am 01.06. und 02.06.1941:
Der Farhud ist die Bezeichnung für ein Pogrom, das nicht auf europäischen, sondern auf arabischen Boden zur Zeit der Hochphase des Nationalsozialismus verübt wurde. Ein Massenmord an Juden, der sich allerdings weitgehend der allgemeinen Kenntnis und dem Geschichtsbewusstsein der Menschen entzieht.
Die einst florierende jüdische Gemeinde im Irak wurde am Tag der Schavuot-Feier Opfer eines wütenden Mobs arabischer Muslime, die marodierend durch die Straßen des jüdischen Viertels zogen, sämtliche Häuser, Geschäfte und kulturell-religiöse Einrichtungen wie Synagogen sowie auch Krankenhäuser brandschatzten, plünderten und zerstörten.
Mehrere Tausend Juden wurden verletzt. Offizielle Zahlen bestätigen mindestens 149 Tote. Der Historiker Eli Kedourie verweist darauf, dass es bis zu 600 Tote gegeben habe. Alleine das Bestehen der Möglichkeit von “vergessenen und unbekannten” Opfern ist ein Skandal und beschmutzt ihr Gedenken.
Mit dem Pogrom kam eine 2700-Jahre umspannende jüdische Tradition und Kultur im Irak zu einem abrupten und blutigen Ende.
Zehn Jahre später verließen ca. 135000 Juden den Irak, wo das Leben unter antijüdischen Gesetzen prekär und unsicher geworden war. Ob und wieviele Juden derzeit im Irak leben ist unbekannt. Die Jewish Virtual Library und ein Bericht aus dem Jahr 2021 gehen sogar davon aus, dass die Zahl der überlebenden Juden im Irak unter 5 gesunken ist. Der Irak ohne jüdisches Leben – eine unheimliche Vorstellung,
Der von Zvi Moreh, Robert S. Wistrich (“Iraq’s Kristallnacht”) und Edwin Black vertretene Standpunkt, dass das Farhud Pogrom unmittelbar mit dem Vernichtungsterror des Holocaust zusammen zu denken sei, wird in der Fachliteratur unterschiedlich bewertet. Die Gründe für die Zusammenführung der europäischen Judenvernichtung mit dem Judenmord im arabisch-sprachigen Raum sind aber begründbar: zwar sind die arabischen Muslime nicht nur einfach Handlanger oder willige Exekutoren des Vernichtungswillens der Nazis, jedoch ist es unabweisbar, dass die antisemitische Propaganda der Nazis einen enormen Einfluß auf die gesellschaftliche Stimmung im Irak und andernorts ausgeübt und entsprechend dadurch den Verlauf der Ereignisse mitbestimmt hat. Die Autoren dieser Seite versuchen sich im Abschnitt Ursachen & Akteure: Antisemitismus, Nationalsozialismus und Islam dieser These zu nähern und zu begründen.
Die Seite bietet dem Leser zudem die Möglichkeit, sich einen Überblick über die vielseitige Geschichte der Juden im Irak im Speziellen und der Juden im MENA im Allgemeinen zu verschaffen. Illustriert, ergänzt und unterfüttert wird das Ganze mit Artikeln aus Zeitungen, Bildern und Videoaufnahmen von Nachfahren, die hierüber berichten. Die Materialsammlung soll regelmäßig aufbereitet und ergänzt werden.
Quellen:
Tepper, Aryeh, Remember The Farhud, JewishIdeasDaily.com, 2011
Wistrich, Robert S., Iraq’s Kristallnacht: 70 Years Later, auf Haaretz.com
Yehuda, Zwi, The Pogrom Farhud of 1941. Reexamination, The Brill Reference of Judaism, Volume 57, Leiden, 2017, S. 249-283
Yehuda, Zwi & Moreh, Shmuel, Al-Farhud. The 1941-Pogrom in Iraq, Jerusalem, 2012
Header-Bild: Judaism in Iraq, Mass grave of victims of the Farhud, 1941. Scanning of a page from the book ‘Iraq’ (edited by Haim Saadoun), published by the Ministry of Education and the Ben – Zvi, Jerusalem.
