Laut dem Archivmaterial der internationalen jüdischen Organisation Alliance Israelite Universelle begannen die ersten zionistischen Aktivitäten im Irak im Jahr 1899. Der Pionier der zionistischen Bewegung im Irak auch Ha-Moreh (Der Lehrer) genannt, hieß Aharon Sasson ben Elihu. Eine beachtliche Anzahl an archivierten Korrespondenzen von ihm mit der jüdischen Diaspora Gemeinde belegen, dass sich seine zionistische Tätigkeit zu Beginn allerdings auf das Lesen in Gruppen von hebräischen Zeitungen und Magazinen beschränkte, die aus Palästina, Großbritannien, Europa und den Vereinigten Staaten stammten.
Ha-Lebanon, Ha-Meguid, Havaletzelet und Ha-’Olam gehörten zu den bedeutenden hebräischen Zeitungen und Schriften, die in den 1860er Jahren in Bagdad gelesen wurden. Außerdem publizierten einzelne Lehrer oder führende Mitglieder der jüdischen Gemeinde ebenso Artikel in diesen Zeitungen, um über die aktuellen Verhältnisse der jüdischen Gemeinde im Irak zu informieren. Die zionistischen Aktivitäten sind bekanntermaßen nicht die ersten Beziehungen zwischen dem irakischen Judentum und dem Heilgen Land gewesen. Denn die Emissäre aus Eretz Israel bereisten regelmäßig Bagdad und andere Städte, in denen jüdische Gemeinden sich niedergelassen hatten. Außerdem verkauften die Emissäre Grabstätten und baten für die jüdische Gemeinde in Palästina um finanzielle Unterstützung. Trotz der Spenden von wohlhabenden Philanthropen, um damit gewisse Projekte in Palästina voranzutreiben, konnten sie den Ideen und Vorhaben des Zionismus wenig abgewinnen.

In den Jahren 1901 -1914 verbreiteten sich die zionistischen Aktivitäten peu a peu im Land. Der Schulleiter (Yom Tov Semah) der Alliance Israelite Universelle versammelte junge Schülergruppen in seinem Haus und erzählte und debatierte über Ideen Theodor Herzls, zu dem er Kontakt pflegte und von dessen Weltanschaung er beeinflusst war. Im Jahr 1913 formierten sich zehn Mitglieder in der südlichen Hafenstadt Basra und gründeten den ersten zionistischen Verein, nachdem sie mit der Zionistischen Weltorganisation in Berlin korrespondierten und sich informierten hatten. Die Initiatoren dieses Vereins eröffneten recht bald auch eine moderne hebräische Schule in Basra. Die Schule traf von Beginn an bei zweihundert Schülern auf großen Zuspruch. Allerdings wies man die Initiatoren innerhalb kurzer Zeit an, die Schule zu schließen. Der Grund hierfür waren erhebliche Erschwernisse, die sie Seitens des Rabbis von Basra und des Schuleiters der Alliance Israelite Universelle erfahren hatten. Mit dem Fortschreiten des Ersten Weltkrieges verringerten sich die zionistischen Aktivitäten in Bagdad und dem Rest des Landes. Auf Grund kriegerischer Konflikte jener Zeit, die maßgeblich für die Zerstörung der postalischen Infrastruktur verantwortlich waren, brach die Kommunikation zwischen den Zionisten im Irak und der Außenwelt ab.
Die zionistischen Aktivitäten nehmen im Jahr 1919 wieder zu. Aharon Sasson verreiste in diesem Jahr nach Palästina und schrieb dort dem Abgeordnetenrat von Jaffa, dass innerhalb der ganzen jüdischen Gemeinde die Idee der Nation tief in ihren Herzen verwurzelt sei und dass sie allerdings eine Führung bzw. einen Wegweiser der zionistischen Bewegung bräuchten. Des Weiteren sei die Intention der Juden und Jüdinnen in Bagdad, Zugang zu der hebräischen Sprache zu bekommen, Zugang zu einem zionistischen Verein und die Mitglieder der Gemeinde bei ihrem Plan, nach Palästina auszuwandern zu unterstützen. Die erste Spendenaktion, die innerhalb der jüdischen Gemeinde für den Jüdischen Nationalfonds (JNF) in Jerusalem gesammelt wurde, wird auf das Jahr 1919 datiert. Aharon Sasson wurde im Jahr 1920 zum Vorsitzenden der Jewish Agency in Bagdad berufen. Zu den Aufgaben von Aharon Sasson gehörten unter anderem das Organisieren von Einreisebewilligungen für Juden und Jüdinnen, die nach Palästina verreisen wollten. Darüberhinaus sammelte und verwaltete er Spendengelder für die zionistische Organisationen wie dem Jüdischen Nationalfonds und Keren Hayesod. Am 15. Juli 1920 wurde der erste zionistische Verein in Bagdad etabliert. Der Verein nannte sich “Jüdische Lesegesellschaft“. Der neu gegründete zionistische Verein gab sich einen unverdächtig klingenden Namen. Das Ziel dieses Vereins war vorgeblich die Förderung der jüdisch-muslimischen Beziehungen in Bagdad. In den 1920er Jahren wurden außerdem zionistische Sportvereine und Lesegruppen gegründet. Jüdische Lehrer aus Palästina wurden in den Irak eingeladen, um hebräisch und jüdische Geschichte zu lehren. Zudem wurden weitere Magazine und Zeitungen auf hebräisch und judeo-arabisch publiziert.
Im Februar 1921 beantragte der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde beim britischen Zivilverwalter Percy Cox eine Lizenz zur Etablierung der ersten offiziellen zionistischen Organisation im Irak. Dieser Antrag wurde nach zwei Wochen freigegeben. Der zionistische Verein im Irak hielt nicht besonders lang. Das irakische Gesetz zur Regelung des öffentlichen Vereinsrechts sah im Jahr 1922 vor, dass sich alle Vereine und Gesellschaften beim Innenministerium zu registrieren hatten.
In einem Brief, den Aharon Sasson an Chaim Weizmann, dem Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation schrieb, berichtete Sasson von seiner einstündigen Zusammenkunft mit dem irakischen Innenminister. Bei dieser Besprechung soll der Innenminister sein Respekt und Zuneigung gegenüber den Juden und Zionisten ausgedrückt haben. Wenngleich der Minister mit den Zielen der Zionisten sympathisierte, konnte er auf Grund der ablehnenden und feindlichen Haltung der muslimischen Mehrheitsgesellschaft gegenüber des Zionismus dem Verein keine Lizenz erteilen. Sasson gelang es gleichwohl, mit dem Innenminister eine informelle Vereinbarung zu schliessen. Die Zionisten im Irak durften ohne eine offizielle Lizenz ihre zionistischen Aktivitäten im Land fortführen. Der Minister bekräftigte, dass wenn der Verein keine offizielle Lizenz beantragen würde, sie somit auch nicht gesetzlich verfolgt werden würden. Trotz der ambivalenten Position der Regierung gegenüber des zionistischen Vereins, setzten die Zionisten im Irak ihre Aktivitäten fort. Die Aktivitäten der Zionisten missfiel der überwiegenden Mehrheit in der jüdischen Gemeinde. Das jüdisch-irakische Senatsmitglied Menahem Ezra Daniel bekundete mit anderen führenden jüdischen Entscheidungsträger ihren Unmut. Ihrer Auffassung nach würde der Zionismus die jüdische Gemeinde einer Gefahr aussetzen. Es war nicht im Interesse der Juden und Jüdinnen als eine nationale Minorität im Land wahrgenommen zu werden. Dieser würde Ressentiments und Animositäten in der Mehrheitsgesellschaft verursachen.
Das Jahr 1929 stellte sich in der Historie des Zionismus in Bagdad als ein Wendepunkt da. Denn als in Palästina die politische Gesamtlage umschlug und landesweit zwischen Palästinenser und der jüdischen Bevölkerung zu extremen Auseinandersetzungen und Toten kam, veränderte es auch die politische und soziale Atmosphäre im Irak. Ab diesem Zeitpunkt hatten nationalistische Zeitungen im Irak die Stimmung aufgeheizt. Die britischen Entscheidungsträger im Irak sahen sich dazu veranlasst, die zionistischen Aktivitäten zu verbieten. Außerdem wurde Aharon Sasson in der Polizeidirektion dazu aufgefordert, alle seine zionistischen Aufgaben zu unterlassen. In den Folgejahren nahmen die zionistischen Aktivitäten stets ab und im Jahr 1935 wurde Aharon Sasson verhaftet und aufgefordert, den Irak zu verlassen. Von da an organisierten sich die zionistischen Gruppen nur noch im Untergrund.
Quellen:
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Header-Bild: Zionist activists in Baghdad, 1922. Standing: Dr. Ariel Bension, first from left: Salmān Shīna, third from left:Rabbi Reuben Patia, Wikipedia Eintrag
