Der gesamte Mittlere und Nahe Osten sowie Nordafrika wurden schlagartig judenfrei. Diese ethnischen Säuberungen fallen nicht rein zufällig in die Zeit der Staatengründung Israels. In diesem Themenabschnitt sollen die Hintergründe und Entwicklungen in den islamisch dominierten Gesellschaften des MENA mit ihren historisch relevanten jüdischen Gemeinden zusammengefasst werden, die schließlich zu dem führten, was notwendigerweise als jüdische Katastrophe in kritischer Anspielung an die eher vermeintliche palästinensische Katastrophe bezeichnet werden kann.
Wie konnte es überhaupt passieren, daß eine jahrhundertealte, wenn nicht gar jahrtausendealte jüdische Kultur, die zur islamischen Mehrheitsgesellschaft der jeweiligen Region zum Teil weitaus mehr beigetragen hat als dies in umgekehrter Richtung der Fall gewesen war, in ihrer gewohnten Umgebung stillgestellt wurde? Was war der entscheidende Kipppunkt, an dem die Juden sich entschieden haben, in teilweise fluchtartigen, riskanten Untergrundaktionen, die Länder, die eigentlich ihre Heimat waren, zu verlassen und alles Vertraute zurückzulassen? Diese Entwicklungen sind nur zu verstehen, wenn man das islamische Konzept der Dhimmitude, also die institutionaliserte, sozial-religiös sanktionierte Entrechtung und Ungleichbehandlung der zu Schutzbefohlenen abgestempelten Nicht-Muslime – Juden wie Christen als die Anderen Anhänger einer Buchreligion – in die Überlegungen mit einbezieht. Der historische Verlauf sowie der Verfall dieses Unterdrückungsapparates durch den Niedergang des Osmanischen Reiches haben einen Zustand der Kränkung in der arabischen Welt hinterlassen: die einstmals gedemütigten und beherrschten Juden haben sich nun erfolgreich vom Joch des Dhimmi-Status emanzipiert und durch die Gründung eines wehrhaften und staatlich organisierten Gemeinwesens endgültig die totale Unabhängigkeit und politische wie soziale Selbstbestimmung erkämpft. Die Juden sind nun diejenigen, die als aufgeklärte Waffenträger über ihr eigenes Schicksal bestimmen können – sie sind nicht länger von der Willkür und vom Wohlwollen der arabischen Herren abhängig.
Im gleichen Atemzug muss die sog. Nakba der Palästinenser einer Kritik unterzogen werden und im Licht der historischen Fakten als das bloßgestellt, was es immer schon war: eine Propaganda-Lüge, die nur dazu dient, den Staat der Juden zu dämonisieren und ihm sein Existenzrecht abzusprechen. Denn gerade im Verbund mit der U.N. und sämtlichen anderen zivilgesellschaftlichen NGOs und progressiven Vereinen wird auf Hochtouren daran gearbeitet, dem einzig demokratisch verfassten Staat im Nahen Osten für alle nur erdenklichen Schandtaten und Menschenrechtsverletzungen ein Schafott zu bauen, während dabei immer wieder jene ohne einen Kratzer davonkommen, die sich selbst als ewige Opfergemeinschaft halluzinieren: als Opfer einer übermächtigen, imperialistischen und faschistischen Verschwörung, die angetrieben wird von einer “rassistischen” Agenda, die palästinensischen Araber zu entrechten, in Lager zu pferchen und klein zu halten. Der Jude wird in diesem Wahnbild als teuflischer, machtversessener und rachsüchtiger Zionist gebrandmarkt, der sich anschickt, das ganze arabische Land jüdisch zu kolonisieren und an allen Muslimen einen Genozid zu verüben. In diesem paranoiden Denken, welches u.A. durch stalinistische Propaganda aus der Sowjetzeit und durch die revolutionären Schriften von an der westlichen Linken orientierten postkolonialen Theoretikern wie Franz Fanon, Sayyid Qutb, Fayez Sayegh und Edward Said – inzwischen theoretisches Standardrepertoire des globalen Befreiungskampfes – befeuert wurde, kann der Jude schamlos als “neuer Nazi” diffamiert werden ohne sich dabei vor einem schlechten Gewissen verantworten zu müssen; gleichzeitig macht es aus muslimischen Tätern die Opfer, lügt diese zu den “neue Juden” um, ignoriert die eigenen kolonial-imperialistischen Bestrebungen und verweist damit auf historisches Unrecht und unsägliches Leid, das den unmündigen Akteure als Rechtfertigung ihres eigenen antisemitischen Vernichtungswunsches dient, der sich in der radikalen Forderung nach Dekolonisation des heiligen Landes durch die Kolonisierten versteckt: “Wir sind uns keiner Schuld bewußt, wir schlagen bloß zurück.”
Ansatzpunkte und Indizien lassen sich in der Zeit des Arabischen Aufstands, der anschliessenden Kollaboration der Nazis mit dem radikalen Islam unter der Ägide von Haj Amin Al-Husseini finden. Des weiteren zu nennen sind die propagandistischen Taktiken, mit denen die höchsten Führer der arabischen Befreiungsbewegungen dafür gesorgt haben – sowohl auf internationalem Parkett als auch in den eigenen Reihen – dass die Ursachen und Wirkungen von Kriegshandlungen und von personalen Zusammenhänge vollkommen verzerrt, wahrheitswidrig erzählt oder auch vollständig umgedeutet wurden.
Prominente Beispiele wären hier die Kolportage des vermeintlichen Massakers von Deir Yassin, die gezielte Unterdrückung und Auslassung der gewaltvollen Ereignisse vor dem arabischen Angriffskrieg auf Israel (antijüdische Pogrome im Jischuw der 1920er Jahre und die Arabische Revolte 1936-1939), die sich wegen ihrer Grausamkeiten kaum zu einem glaubhaften Narrativ des “unterdrückten und verfolgten Palästinenser” hätten ausschlachten lassen, sowie der inner-palästinensische Verrat der Führungseliten an den eigenen Flüchtlingen (insbesonders fällt hier der eigentümliche Gebrauch – Missbrauch – der Definition auf, der sich im krassen Gegensatz zu der Anwendung der Flüchtlingsstatus durch die UN auf alle übrigen internationalen Flüchtlingen befindet), deren humanitäre Misere bewusst perpetuiert und propagandistisch ausgenutzt wird, um diese als Druckmittel im sogenannten “War of Return” gegen den Staat Israel unter den Augen internationaler Beobachter in Stellung zu bringen – wohlwissend und kalkulierend, dass sich die “palästinensische Katastrophe” eigentlich schon lange hätte lösen lassen.
Der Text wird weiter ausgearbeitet und umgeschrieben.
Quellen:
Bensoussan, Georges, Die Verbotene Frage, Berlin, 2019
Bensoussan, Georges, Jews in Arab Countries. The Great Uprooting, Indiana, 2019
Cohen, Mark R., Unter Kreuz und Halbmond. Die Juden im Mittelalter, München, 2005
Cohen, Mark R. & Udovitsch, Abraham L. (Hg.), Jews Among Arabs. Contacts And Boundaries, Feltham, 1989
Gilbert, Martin, In Ishmael’s House: A History of Jews in Muslim Lands, New Haven, 2010
Julius, Lyn, Uprooted: How 3000 Years of Jewish Civilization in the Arab World Vanished Overnight, Elstree, 2018
Karsh, Efraim, Palestine Betrayed, New Haven, 2010
Kessler, Oren, Palestine 1936. The Great Revolt and the Roots of the Middle East Conflict, Lanham, 2023
Lewis, Bernard, Die Juden in der Islamischen Welt. Vom Frühen Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, München, 2004
Lewis, Bernard, Die Araber, Berlin/München, 1995
Mansour, Hussein Aboubakr, The Liberation of the Arabs From the Global Left, Tabletmag.com, 2022
Memmi, Albert, Decolonization and the Decolonized, Minnesota, 2006
Poliakov, Leon, Von Moskau nach Beirut. Essay über die Desinformation, Freiburg, 2022
Poliakov, Leon, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg, 1992
Spencer, Robert (Ed.), The Myth of Islamic Tolerance: How Islamic Law Treats Non-Muslims, New York, 2005
Stillman, Norman, The Jews of Arab Lands in Modern Times, Philadelphia, 2003
Stillman, Norman, The Jews of Arab Lands. A History and Source Book, Philadelphia, 1975
Tauber, ELieser, The Massacre That Never Was. The Myth of Deir Yassin, and the Creation of the Palestinian Refugee Problem, New Milford, 2021
Tibi, Bassam, Die Verschwörung. Das Trauma Arabischer Politik, München, 1994
Weinstock, Nathan, Der zerrissene Faden. Wie die Arabische Welt Ihre Juden Verlor. 1947-1967, Freiburg, 2019
Ye’or, Bat, The Dhimmi. Jews and Christians Under Islam, Vancouver, 1985
Header-Bild:
